Nicht jeder Konflikt ist direkt sichtbar, laut oder eindeutig erkennbar. Viele Konflikte oder Uneinigkeiten in Organisationen bleiben unter der Oberfläche eines scheinbar normalen, höflichen, teils sogar herzlichen Miteinanders. Gerade in festen Teams, in denen Menschen langfristig zusammenarbeiten und aufeinander angewiesen sind, werden Konflikte häufig gescheut oder tabuisiert, um die gute Atmosphäre nicht zu gefährden. Dahinter steht die Annahme, dass Konflikte Harmonie zerstören können, dabei kann ein angesprochener und selbst teilweise gelöster Konflikt den Zusammenhalt eines Teams stärken.
Woran lässt sich also erkennen, dass ein Konflikt überhaupt vorhanden ist?
Es gibt einige Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ein Konflikt im Hintergrund wächst, zum Beispiel:
1) Rückzug einzelner Teammitglieder und andere diskrete, häufig unbewusste Vermeidungsstrategien.
Die Beteiligung an Teamdiskussionen nimmt ab oder beschränkt sich auf „sichere“ Themen, die keine echte Auseinandersetzung erfordern. In der extremen Form führt dies dazu, dass sich einzelne oder sogar alle Teammitglieder kaum noch inhaltlich zu den Beiträgen der Kolleginnen und Kollegen positionieren. Unter dem Vorwand von Spezialisierung, Fokussierung oder Effizienz laufen Absprachen dann scheinbar „sauber“ und schnell ab. Es entstehen thematische Inseln, der Zusammenhalt im Team wird brüchig.
2) Diskussionen laufen immer gleich ab.
Die gleichen Personen bringen immer wieder dieselben, oft vorhersehbaren Argumente oder Begriffe ein – unabhängig vom jeweiligen Thema. Teammitglieder vermeiden neue oder unbekannte Inhalte und „verbarrikadieren sich“ hinter vorab zurechtgelegten Aussagen. Nicht selten nimmt dies die Form einer vermeintlichen Grundsatz- oder Wertediskussion an, die polarisiert, aber nichts klärt.
Warum kommt es zu dieser sprachlichen Ritualisierung? Das kann (muss aber nicht) ein Hinweis auf einen Schutzmechanismus sein: Es hängt mit der Unsicherheit zusammen, sich aufeinander, auf neue Themen und auf neue Lösungen einzulassen und entspringt oft dem Wunsch, das zu behalten, was man schon hat (ein Argument, einen Gedanken, ein Status-Quo…). Dadurch wird man in den Reaktionen und Gesprächen „starrer“ – eine emotionale wie geistige Flexibilität bedarf einerseits psychologischer Sicherheit (und der Offenheit für Konfliktbearbeitung) und andererseits der inneren Zuversicht, dass eine Veränderung immer gut sein kann, auch wenn sie mit Verlusten einhergeht.
3) Das Team bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Obwohl einzelne Leistungsträger vorhanden sind, erreicht das Team als Ganzes weniger, als eigentlich möglich wäre. Alles scheint zu funktionieren, doch die Zusammenarbeit festigt sich über längere Zeit nicht. Konflikte – ähnlich wie Traumata – hemmen Weiterentwicklung. Ein langanhaltender, unterschwelliger Konflikt führt dazu, dass ein Team, das theoretisch weiter sein könnte, stagniert. Es entsteht zwar eine gewisse, oft für alle bequeme „Stabilität“, doch der Reifegrad des Gesamtteams entwickelt sich nicht weiter. Es entstehen keine neuen Ideen, keine neuen Konstellationen im Team, die Beziehungen sind wir „gefroren“ – die positiven wie negativen.
4) Eine bilaterale Dynamik dominiert Teammeetings.
Ursprüngliche Konflikte treten fast immer im Aufeinandertreffen zweier Ansichten oder Personen auf. Die Dynamik zwischen zwei Parteien (die manchmal persönlich-emotional und manchmal fachlich geprägt ist) hat dann einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf Teamdiskussionen und Ergebnisse. Das muss nicht bedeuten, dass sich die Konfliktparteien laut äußern – es kann ebenso bedeuten, dass sie sich zurückziehen oder eine Person häufig abwesend ist. Dennoch hat diese Dynamik spürbare Auswirkungen auf das gesamte Team.
Wie gehe ich mit einem Konflikt um? Soll ich schlafende Hunde wecken?
Unsere Vorsicht im Umgang mit Konflikten – oder generell mit unangenehmen Emotionen – drückt sich oft genau in dieser Frage aus: Warum soll ich schlafende Hunde wecken? Interessanterweise zeigt diese Frage bereits die Erkenntnis, dass etwas vorhanden ist, wenn auch nur latent. Es handelt sich also nicht um eine Verneinung, sondern um Zweifel darüber, wie mit einem (oft verborgenen) Konflikt umzugehen ist.
Es gibt nachvollziehbare Gründe, „den Hund selbst aufwachen zu lassen“, was bedeuten würde, darauf zu vertrauen, dass die Beteiligten den eigenen Konflikt selbst lösen. Befindet man sich in einer Führungsposition und betrifft der Konflikt das eigene Team, wird die Situation komplexer – besonders dann, wenn die Spannung Effizienz, Zusammenarbeit oder Weiterentwicklung von allen im Team beeinträchtigt.
Ein starkes Argument für das Ansprechen und frühzeitige Handeln lautet: Schlafende werden irgendwann wach. Ganz gleich, ob es sich um Hunde, Ängste, Vorurteile oder unbearbeitete Themen handelt – sie holen uns ein, oft in einem Moment der Schwäche, des Drucks oder einer empfundenen Bedrohung. Dinge zu benennen hilft. Rechtzeitig Dinge zu benennen hilft doppelt, weil man dann oft mehr Gestaltungsmöglichkeiten oder im Falle eines Konflikts mögliche Deeskalationsstufen hat.
Das Argument, man „mache etwas groß, das gar nicht existiert“, ist in den meisten Fällen unbegründet. In unserer Arbeit haben wir solche Situationen selten erlebt. Und selbst wenn tatsächlich etwas angesprochen wird, das am Ende nicht relevant ist, verschwindet es meist schnell wieder vom Tisch und man kann sich anderen Themen widmen. Durch das Ansprechen, selbst vermeintlich nicht vorhandener Themen, verlieren wir nichts, weder unsere Autorität noch unseren Ruf als Führungskraft oder Teammitglied.
Ganz im Gegenteil: Wir öffnen uns und zeigen, dass wir aufmerksam sind, zwischen den Zeilen wahrnehmen und den Mut haben, diese Beobachtungen auszusprechen – als Hypothesen, die sich auch als falsch herausstellen können. Zwischenmenschliches Terrain ist immer ein Terrain voller Hypothesen und Unsicherheiten. Das ist jedoch kein Grund, es zu meiden.
Die kniffligere Frage lautet: Wie benenne ich einen wahrgenommenen Konflikt, ohne die Beteiligten aus ihrer Verantwortung zu nehmen, das Thema miteinander zu klären?
Zumal Konflikte unterschiedlich wahrgenommen werden: Für die eine Person ist es bereits ein Konflikt, was für die andere nur eine Meinungsdifferenz darstellt. Häufig ist dieselbe Situation für jemanden belastend oder schmerzhaft, für andere weniger gravierend – und für Außenstehende überhaupt nicht sichtbar. Oder anders – die Außenstehenden leiden indirekt darunter und die Konfliktparteien vermeiden es, den Konflikt anzusprechen.
Für diese Herausforderungen haben wir eine Liste mit fünf Tipps bzw. Strategien vorbereitet, die wir gerne auf Anfrage teilen.
Wie gehe ich vor, wenn ich ein Konflikt in meinem Umfeld oder Team ahne oder schon beobachte? Einige Tipps
1. Normalisierung
Viele Menschen schrecken schon beim Wort Konflikt zurück. Es hilft, zu betonen, dass Konflikte ein Teil unseres Lebens sind und gerade in Organisationen sehr häufig auftreten (müssen), weil unterschiedliche Bereiche unterschiedliche Prioritäten und Ziele haben. Konflikte können eine wertvolle Lernquelle sein – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind: ein gemeinsames Verständnis der Situation/Ausgangslage, eine hohe psychologische Sicherheit und der Wille zur gemeinsamen Weiterentwicklung gemeinsamer Lösungen.
2. Ansprechen
Wenn du eine Spannung zwischen zwei Personen wahrnimmst, sprich eine der beteiligten Personen zunächst im bilateralen Kontext darauf an. Vermeide das Wort Konflikt und beschreibe stattdessen deine Beobachtungen. Benenne konkret, was dich dazu veranlasst, das Thema anzusprechen. Ähnlich wie in einem Feedbackgespräch: Bleib bei Ich-Botschaften und versuche keine Partei zu ergreifen. Bleib – soweit es möglich ist – neutral.
3. Konkretisieren
Achte in Diskussionen darauf, ob ein Argument wirklich etwas zum Thema beiträgt oder ob es eher mit der Person selbst zusammenhängt. Besonders in abstrakten Debatten geht es Konfliktparteien oft mehr darum, Recht zu haben, als eine gemeinsame Lösung zu finden. Konkretisiere durch gezielte Fragen wie: „Wie meinst du das?“, „Was heißt das in unserem Kontext?“ oder „Was würde das konkret für unseren nächsten Schritt bedeuten?“
4. Abstand schaffen
Wann wird Uneinigkeit zum Konflikt? Wenn wir uns stark mit unseren eigenen Ideen identifizieren und diese nicht mehr hinterfragen. Es handelt sich hier nicht um einen Ruf zur Relativierung sondern vielmehr darum, die eigenen Überzeugungen kritisch zu betrachten, gerade wenn sie uns immer wieder in konfliktäre Situationen bringen. Oder wenn wir uns selbst dabei ertappen, dass wir bestimmte Argumente/Meinungen in solchen Momenten der Spannung „aus der Tasche ziehen“, ohne sie zu reflektieren.
5. Tempo runternehmen
Konflikte haben viel mit Triggern zu tun, und unsere Reaktionen darauf sind oft schnell und unbewusst: Flucht, Abwehr, Freeze. Was hilft, ist Tempo herauszunehmen – bei sich selbst (wenn man betroffen ist) oder als Moderator im Team. Schalte die Metaebene ein und schaffe einen Moment der Sicherheit, bevor ein Wortgefecht entsteht.
6. Rausgehen
Frische Luft, Szenenwechsel, selbst eine kurze Pause in Bewegung kann in einer Konfliktbearbeitungssituation das schaffen, was die Worte und andere Methoden – selbst die gut gewählten – nicht schaffen: Abstand und emotionale Ruhe. Oft kann man dann neu anfangen oder mit neuen Kräften das vertiefen, was vor der Pause thematisiert wurde.